Khiva

Ein Jahr Sommer haben sie gesagt…von wegen…es ist a…bsolut kalt, als wir nach 7 Stunden Taxifahrt durch die Steppe und später durch Mais- und Baumwollfelder endlich in Khiva ankommen. Aber trotz Wind und Regen schauen wir uns tapfer die Altstadt an: Khivas Zentrum bildet ein 200m x 500m großer (kleiner) mit vielen Runddächern, Minaretten und Medressas bestückter Stadtkern, befestigt von dicken Lehmmauern. Alles, bis auf die Mosaike, ist aus Lehm! Das Touristenprogramm ist schön, aber wir wollen mehr: Einige Jump-and-Run-Einlagen über halbzerfallene Bauwerke färben uns so sandsteinfarben wie die Umgebung. Wir klettern von Bus-Touristengruppen ungesehen um die Ramschistan-Stände herum auf die Dächer und erhüpfen uns den ein oder anderen eigenwilligen Blick auf die blaugrünen Kuppeln der Stadt und in die Innenhöfe voller Kramsläden. Dafür muss man aufpassen, dass man nicht mit einem unbedachten Schritt durch ein Lehmdach hindurch in eine Teezeremonie plumpst oder durch ein tolpatschiges Stolpern die Stromversorgung eines Stadtviertels unterbricht. Kurzum: Wir haben Spass!

Der Basar vor den Stadtmauern ist zum Mittagessen eine willkommene Abwechslung, hierher hat sich nämlich kein Tourist verirrt, und auch keine verbindliche Usbekin will mir Glasperlenarmbänder andrehen.

Vor den Toren der Altstadt ist ein kleiner Prinzenpalast gelegen: Ein überdrehter Traum, in dem sich Ost und West zu einer irren Komposition zusammenfinden: Knallbunte russische Kachelöfen stehen im Spiegelkabinett, und warum sollte man Stuck nur an Decken anbringen können? Hier sind alle Wände gut bestuckt statt tapeziert. Zusammen mit orientalischen Teppichen und schönen Ornamentschnitzereien in den Holzdecken ergibt das einen herrlichen Kitsch am Rande des Erträglichen!

Wir klettern zum Abschluss die steile, dunkle Stiege eines Minaretts hinauf: Der Blick auf die Stadt ist prächtig, und die „Treppe“ ein kleiner Adrenalinkick. Hinab blicken wir auf ein großes 3D-Level von Prince of Persia.

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Bukhara

Spätnachmittags erreichen wir Bukhara nach einer verregneten Zugfahrt durch eine ewige Ödnis. Hier ist es sehr frisch, aber immerhin hat es aufgehört, zu regnen.

In unserem Hostel serviert man uns einen halbwegs anständigen Espresso, und nach unserem kaffeelosen Alltag laufen wir völlig berauscht in die Altstadt los.

Ja, schon wieder: Es ist wie im Märchen hier!

Bukhara gibt dort Zusammenhang, wo er in Samarkand gefehlt hat: Es gibt hier nicht nur einzeln isolierte Sehenswürdigkeiten, sondern eine komplett restaurierte Altstadt. Das Areal ist voll von Sandsteinkuppeln, Basaren, Medressas (Koranschulen und wissenschaftliche Akademien), Moscheen und kleinen Gassen. Durch die Stadt ziehen sich einige Wasserkanäle und Teiche, die früher von der Bevölkerung zum entspannten Baden genutzt wurden – aufgrund der damaligen hygienischen Bedingungen war Bukhara deswegen eine Zeitlang als Pestloch verschrien. Heute ist das meiste Wasser aus den Teichen abgelassen, und baden darf auch keiner mehr hier drin.

Es geht hier sehr touristisch zu, und zwischen Teppich- und Schmuckhändlern gibt es Tücher und Kühlschrankmagnete zuhauf. Christian kommentiert das so: „Willkommen in Ramschistan.“

Die blau bekachelten Medressas, in deren Innenhöfen sich Souvenirshops tummeln, die Moscheen voller Mosaike insbesondere das Po-i-Kalyan-Esemble mit einem großen Sandsteinturm (so erhaben, dass selbst der grausame Dschingis Khan bei der Eroberung und damit zwangsweise einhergehenden Zerstörung der Stadt sagte: „Dieser Turm bleibt stehen!“) wirken auf uns wie aus einer anderen Welt, und wir können uns gar nicht an den vielen verwinkelten Gassen, Höfen, Holztürchen und Mosaiken satt schauen. Die gesamte Altstadt fasziniert durch ihren bloßen Anblick und die Ramschläden nehmen wir mit Humor.

Vor der Altstadt auf einem Hügel liegt „Der Bogen“, eine alte Festung, die in sich selbst wieder eine kleine Stadt ist. Leider ist nur noch wenig von der gesamte Festung erhalten, der Rest liegt in Schutt und Asche (aber dem Touristenblick durch eine Mauer enthoben) aufgrund von Plünderung, Witterung und Erdbeben. Die x Museen, die sie hier untergebracht haben sind langweilig, aber das Schreiten durch die verwinkelten Innenhöfe macht Freude!

Überall laufen einem diese schönen Samt-Glitzer-gewandeten, sonnengegerbt faltigen usbekischen Frauen vor die Kamera, die einen durch Goldzahnreihen anlächeln.

Wir laufen zwei Tage lang durch diese Stadt und knipsen mal wieder bis die Finger wund und die Augen eckig sind.

Samarkand

Es ist wie im Märchen hier! Ein wenig steril wirkt die Touristenflaniermeile schon, weil nix los ist. Aber die vier „großen“ Sehenswürdigkeiten, Registan vornan, haben es in sich und wir knipsen bis zur Abenddämmerung hemmungslos.

Entgegen des islamischen Gebots, sich kein Bildnis von Lebewesen machen zu dürfen, haben die usbekischen Herrscher es damit nicht ganz so genau genommen, und am Eingang zur Registan-Moschee sieht man das bekannte Motiv der zwei Tiger im Mosaik, die Ziegen gefangen haben.

Besonders freuen wir uns, einen kleinen Abstecher über den Friedhof zu machen und uns durch den Hintereingang das Eintrittsgeld zu den Mausoleen zu erschleichen.

Lassen wir die Bilder für sich sprechen…

Taschkent

Es ist Mistwetter in Baku, Wind und Regen, 16 Grad, also genau der richtige Zeitpunkt weiter zu ziehen. Im Flieger nach Taschkent gibt es eine gehörige Portion Fleisch zu Essen: Putenkeule im Eigenfettmantel – als Beilage dazu: 2 Würstchen. Einmal gelandet, verbringen wir zwei Stunden Zeit im vollkommen chaotischen Einreiseprozedere. Drängeln ist hier ein Volkssport, das sollen wir uns auch besser merken, denn an jeglicher Art Schalter oder enger Tür wird „gesportelt“. Es ist übrigens anscheinend die einzige Sportart, die von einer breiten Volksmasse ausgeübt wird. Denn Usbeke und Usbekin sind eher beleibt und wohlgerundet als drahtig und dürr. Ich finde, das passt auch viel besser zu den wunderschönen Kleidungsstücken, die die Frauen auftragen: Samt steht hoch im Kurs, und die traditionelle Kleidung aus Hose und knielangem Überkleid ist blumig bunt, wenn nicht noch mit viel glitzerndem Strass versehen, mindestens aber eines von beidem.

Unser Taschkenter Gasthaus liegt in einer Gegend, die uns zunächst seltsam vorkommt: Außer Mauern und eisernen Toren gibt es hier nichts zu sehen! Es sieht aus als sehe man alle Häuser nur von ihrer fensterlosen Rückseite. Später sollen wir lernen, dass dies ganz typisch für Usbekistan ist, und gar nicht so schlimm, wie es von außen aussieht: Hinter jeder Mauer verbirgt sich ein kleiner Innenhof, der zum Wohnhaus führt, und hier spielt sich das Leben ab! Auch unser Gasthaus ist da keine Ausnahme, und im Hof finden wir Sitzgelegenheiten, ein paar Bäumchen und eine nette Wirtsfamilie, die uns gleich mit Tee versorgt.

Wir haben Glück und treffen einen Belgier, der am nächsten Tag abreist. Er klärt uns auf, wie der Geldwechsel in Usbekistan funktioniert, denn das ist für einen Europäer erst einmal sehr seltsam: Es gibt zwei Wechselkurse, den offiziellen (1 US-Dollar = 2600 usbekische Som) und den inoffiziellen (1 US-Dollar = 5000 usbekische Som). Das bedeutet, wer auf dem Schwarzmarkt seine Devisen tauscht, lebt halb so teuer.

Übrigens ist der größte Schein in diesem Land ein 5000-Som-Schein. Außerdem ist die 5000-Som-Note erst kürzlich eingeführt worden und längst nicht so verbreitet wie die übliche 1000-Som-Note. Das bedeutet also eine ganz schöne Zettelwirtschaft und prall gefüllte Hosentaschen.

Taschkent selbst präsentiert sich am nächsten Tag bei bestem Wetter, wir haben einen strahlend blauen Himmel und 35 Grad im Schatten. Jawohl!

Die Stadt hat nicht viele alte Sehenswürdigkeiten. Wir starten mit dem beindruckend weitläufigen Juma-Moscheekomplex – unsere erste Begegnung mit tausendundeiner Nacht, auf die noch viele weitere folgen sollen. Danach lassen wir uns auf dem großen Basar treiben. Die riesige, ein wenig nach Zirkuszelt aussehende Kuppelkonstruktion birgt Theken voll Fleisch, Salat, und Milchprodukten. Aus der ersten Etage betrachtet erinnert der Basar ein wenig an eine Finanzbörse nach einem Bauernaufstand.

Die Altstadtgassen sind wie gesagt, nett, aber man sieht nicht viel außer Mauer und Tor, und gelegentlich einen kleinen Bäckersstand. Auch der moderne Teil der Stadt ist so ein bisschen Disneyland und erinnert an die blutleeren Bauten von Skopje. Trotzdem erfreuen wir uns an der realsozialistischen Prachtarchitektur des „Hotel Usbekistan“ und an der stolzen Statue des verehrten, blutrünstigen Landesvaters Amir Timur, die Pose natürlich, ähnlich wie in Skopje schon Alexander der Große, stolz erhoben auf einem mächtigen Hengst reitend. Im Gegensatz zu Skopje hat die Neustadt Taschkents jedoch auch ihren Reiz und die zahlreichen wohlgepflegten Grünflächen lockern das Gesamtbild angenehm auf.

Insgesamt sind die Bauwerke nicht so interessant zu sehen, und bei diesem tollen Wetter treibt uns auch nichts in ein Museum: Wir verbringen den Tag über den Basar schlemmend und beobachten das geschäftige Treiben um uns herum. Das ist sehenswert genug:

Eine dicke Frau im Blumengewand greift beherzt in ihren BH, um ein Bündel Som-Scheine zu verstauen. Die Zitronenverkäuferin bietet ihre Waren auf einem umgebauten Babywagen an. Frische Fladenbrotkränzel werden von Fahrradkurieren durch Gassen geschlenkert – auf jeden Kranz ist übrigens ein anderes Muster eingestempelt. Der Schwarzmarktwechsler singt „Change Dollar Euro“ in unendlicher Wiederholung…

Am Ende bleiben einige tolle Köstlichkeiten in Erinnerung (usbekisches Baklava und geröstete Aprikosenkerne, kleine Sharonäpfelchen und der ewige Kebab – hier schon durch einen ordentlichen Klecks Mayo russifiziert) und ein bunter Flickenteppich an lebhaften Szenen.

Von Dollar und von Som

Reist du nach Samarqand?
Nimm Bargeld in die Hand!
Nach Bukhara und Taschkent
bring lieber Dollar und auch Cent

Denn in der Bank schmerzt es dich sehr,
holst du deine Som dort her:
Zwei Wechselkurse gibt’s im Land,
der offizielle ist bekannt,
doch davon entkoppelt
steht der Schwarzmarktkurs fast doppelt!

In den Gassen, auf dem Basar
hörst du den Singsang “Change Dollar!”
Dem Sänger gib die grünen Scheine,
und erhalte dafür seine.
Derweil, der Polizist daneben
lässt den Blick gen Himmel schweben.

Vergiss nicht große Hosentaschen,
damit die vielen Scheine passen.
Plastiktüten und BH
sind zum Geldrumtragen da.
Bist du ein echter Businessmann,
dann schaffe große Kisten an.

Denn mit Som ist es nicht schwer
und auch du bist Millionär
Ist das Traum oder gar Wahn?
Nein, das ist USBEKISTAN.

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