Hauptsache weg, ganz egal wie – nein, nichts hält uns in Rustavi

Wenn man Einwohnern Bitterfelds (bekannt aus Funk und Fernsehen durch den markanten Werbeslogan „Seh’n wir uns nicht in dieser Welt, so seh‘n wir uns in Bitterfeld“) einreden möchte, dass ihre Heimat ein Juwel an Schönheit darstellt, so sollte man ihnen einen Wochenendtrip nach Rustavi spendieren. Diese Industriestadt aus Sowjetzeiten gleicht heute einem Ruinenfeld aus verlassenen Produktionsstätten, die durch löcherige Straßen verbunden und durch ein angrenzendes, seelenlos wirkendes Stadtzentrum ergänzt werden. Nur 20 km südlich von Tbilisi gelegen hat Rustavi nichts – rein gar nichts – von dessen Anmut und Glanz. Seine Daseinsberechtigung hat die Stadt ausschließlich aufgrund ihrer Nähe zur aserbaidschanischen und armenischen Grenze, der dort angesiedelten Zollstelle und ebenfalls aus diesem Grund dort beheimateten kaukasischen Automarkt. Letzterer hat jedoch ebenfalls seine besten Tage hinter sich gelassen. Aserbaidschan hat in 2014 die Euro 5 Norm als Voraussetzung für Autoimporte verhängt, so dass keinerlei Wagen mit Baujahr vor 2005 in diesen bis dahin für Georgien sehr bedeutenden Absatzmarkt gelangen können. Auch Armenien, der zweite Abnehmer für Gebrauchtwagen aus Georgien wird auf kurz oder lang wegfallen, da Armenien zum 1. Januar 2015 der russischen Freihandelszone beigetreten ist und somit seine Einfuhrzölle für Gebrauchtwagen früher oder später von 10% auf ca. 50% anheben muss. Kurzum, für das heute schon graue Rustavi sieht die Zukunft schwarz aus.

Nun sind wir hier auch nicht hingereist um uns Bitterfeld schönzureden, sondern um unser Auto zu verkaufen. So begeben wir uns am nächsten Morgen auf das riesige Automarktgelände, das an die Zollstelle angrenzt und werden auch schon bald von einem Schwarm Autohändler belagert. Leider bewahrheitet sich das niedrige Preisniveau, das wir schon aus georgischen Internetseiten mit Schrecken zur Kenntnis genommen haben und so erhalten wir nach langen Verhandlungen gerade mal ein knappes Drittel des Preises für unseren 2003er Corolla, den wir in Deutschland erzielt hätten. Immerhin zahlt der Käufer Zollgebühren und Ummeldung und dafür hatten wir bis hier eine tolle Reise mit dem Wagen und bereuen nicht uns für diesen Weg entschieden zu haben. Nachdem der Wagen verkauft ist, buchen wir direkt für den nächsten Tag einen Flug nach Baku, lassen uns von unserer schäbigen Motel-Bleibe das Geld für die heutige Nacht zurückerstatten und begeben uns schnurstracks auf den Weg nach Tbilisi. Der Kontrast lässt sich kaum in Worte fassen und wir verbringen erleichtert und gut gelaunt den Abend in der schönen Hauptstadt.

Kazbeg – Höhenluft in Kaukasuskulisse

Wir brechen auf gen Norden um den Kaukasus näher zu erkunden. Unser Ziel ist Stepantsminda am Fuße des 5000m hohen Kazbeg-Berges, direkt an der Grenzen zwischen Georgien, Russland und dem immer noch umstrittenen Südossetien, dass mit Russlands Unterstützung seit dem Georgien-Konflikt in 2008 als eigenständige Mini-Republik existiert. Schon die Fahrt ist ein Erlebnis, sowohl aufgrund der atemberaubenden Schönheit der Berglandschaft mit ihren kargen Hängen, grünen Hochwiesen und Schnee bedeckten Gipfelkuppen als auch aufgrund der Kluft zwischen den Straßenverhältnissen und der anzutreffenden Fahrweise der meisten Georgier.

Auf halber Strecke erreichen wir das malerisch gelegene Kloster Ananuri, das von einer Festungsmauer umgeben in den Zhinvari-Speichersee hineinragt. Zwei Stunden später in Stepantsminda erwartet uns dann ein Novum in Georgien. Wir müssen nach dem Weg zu unserer Übernachtungsmöglichkeit fragen und treffen durchweg nur missmutige, sehr unfreundliche Menschen an. Wir hatten im Lonely Planet Forum zwar bereits Berichte gelesen, die ähnliches schildern, diese jedoch aufgrund der uns sonst zu Teil werdenden herausragenden Gastfreundschaft der Georgier als Humbug abgetan. Nun ja, sei es aufgrund von schlechten Erfahrungen mit Touristen oder aufgrund des anscheinend stark begrenzten Genpools der nordischen Bergregion, willkommen fühlen wir uns hier zunächst nicht. Nachdem der Unterboden unseres lieben Toyota Corollas mehrmals auf Tuchfühlung mit garstigen Felsbrocken, die aus dem Möchtegern-Kopfsteinpflasterfelsweg heraus ragen, gegangen ist, erreichen wir schließlich unser kleines Gasthaus und machen uns gleich danach auf ein altes Kloster auf einem der Vorberge des Kazbegs zu erklimmen. Allerdings ist es schon spät und wir brechen aufgrund der schlechten Lichtverhältnisse die Wanderung auf halber Strecke ab. Genau wie wir ist die Stimmung ist damit endgültig im Tal angekommen. Später am Abend – wir wollen eigentlich nur unser Zimmer bezahlen – nimmt der Tag aber noch ein sehr schönes Ende. Wir werden von unserer Gastfamillie an ihren Abendbrottisch eingeladen, wo bereits eine russische Journalistin aus Omsk mit platzgenommen hat. Die Gastfreundschaft, wie wir sie bisher aus Georgien kannten, ist hier vollends zugegen und treu nach Marias Kampfspruch „Khinkali, Tschatscha, Khinkali, Tschatscha“ (Khinkali = fleischgefüllte Teigtasche; TschaTscha = Obstbrand auf Weinbasis, auch mit Feigen, Mandarinen, Apfelsinen oder Maulbeeren), verbringen wir noch etliche Stunden in netter Gesellschaft und verständigen uns prächtig mit russischen Wortfetzen, klirrenden Gläsern, Händen, Füßen und ab und zu Übersetzungen von unserer Journalistin.

Link Khinkali: http://georgianrecipes.net/2013/03/29/khinkali/

Link Tschatscha: https://de.wikipedia.org/wiki/Tschatscha

Am Morgen stehen wir früh auf um das erste Tageslicht zu nutzen und erinnern uns sehr deutlich an den Tschatscha vom Vorabend. Vor der Tür erwartet uns ein fantastischer Anblick: Der 5000m Gletschergipfel des Kazbegs ist aus den Wolken hervorgekommen und bietet eine fantastische Kulisse vor der sich bereits das Kloster als Ziel unserer heutigen Wanderung abzeichnet. Von einem reisenden Pärchen haben wir in Tbilisi einen tollen Tip für einen wenig begangenen Aufstiegsweg erhalten und wir kraxeln mit Händen und Füßen den Berg hinauf. Auf der ganzen Tour nach oben treffen wir lediglich einen Mitwanderer, ansonsten haben wir die Natur ganz für uns. Das Kloster auf dem Gipfel ist klein und es leben lediglich eine Hand voll Mönche hier, aber die Ausblicke auf das Umland sind fantastisch. Nach kurzem Verweilen machen wir uns an den Abstieg und danach auf den Weg nach Rustavi.

Mzcheta – Alte Mauern, wenig Leben

Ein schöner Tagesausflug führt uns aus Tbilisi heraus nach Mzcheta, dort gibt es ein weiteres malerisches Kloster, das ebenfalls UNESCO-Weltkulturerbe ist. Abgesehen davon ist das Örtchen aber leergepustet, und nach dem üblichen Touristenprogramm sind wir schnell wieder zurück in dem glücklichen Treiben von Tbilisi.

Tbilisi – eine fantastische Hauptstadt

Die Sonne strahlt und wir spazieren durch die Altstadt, überqueren die futuristische Peace-Brücke, um am Ende eine Art gelandetes Raumschiff zu sehen – es handelt sich um das neue Theatergebäude und sieht aus, als wäre es dem Filmset von Star Wars entflogen. Überhaupt erinnert Tiflis mich sofort an viele Geschichten, die als Kinderknüller berühmt geworden sind: Die kleinen, weinumrankten, windschiefen Holzbalkönchen an vielen Stadthäusern sind eindeutig von Sheherazade bewohnt, den schiefen Uhrenturm hat ganz klar Alice aus dem Wunderland erbauen lassen, als sie den falschen Pilz gegessen hat, und in den alten Festungsmauern am Berghang hört man noch das Geklappere von Ritterrüstungen. Der kleine Prinz hat auf seiner Reise Freundschaft geschlossen mit einem Laternenanzünder, er arbeitet heute in Tbilisi. Selbst die Menschen sehen aus, als hätte Janosch sie gezeichnet: Beschürzte Frauen in Blümchenkleidern watscheln mit Körben voll Pilzen vorbei, und die dunkelhaarigen Männer tragen dichte Schnauzer. Sicher können einige von ihnen auch fliegen (Info). Nur nach Bananen riecht es hier nicht, sondern nach kräftigen, georgischen Fleischgerichten.

Wir nehmen die Seilbahn auf die Festung und laufen wieder hinunter in die Altstadt. Dort angekommen lassen wir uns vollkommen von der Gemütlichkeit, die die Stadt ausstrahlt einnehmen.

Sogar ein sehr ausgeprägtes Nachtleben gibt es hier: einige lebhafte, schöne Partygässchen reihen Livemusik, Shishabar und Diskobeats aneinander. Hat man einmal den Khachapuri hinter sich gelassen, dann ist das Essen in den kleinen Kellerkneipen wundervoll fleischhaltig, vielseitig und preiswert. Der hiesige Schnaps „Chacha“ hat Prozente, schmeckt rachenputzig und wird grundsätzlich dazu gereicht.

Abends sitzen wir bei einem Cocktail über den Dächern der Stadt, genießen den Blick auf das nahegelegene Kloster am Berg (darf auch hier nicht fehlen) und schauen uns das beleuchtete Wasserballett auf dem anderen Ufer der Kura.

Malerische Monumente: Gelati-Kloster und Uplistsikhe-Höhlen

Unser Weg nach Tbilisi bringt uns an zwei Georgien-Highlights vorbei. Ganz in der Nähe von Kutaisi befindet sich das Gelati-Kloster. In ländlicher Idylle gelegen, fallen uns sofort die grünlich schimmernden, dreidimensional wirkenden Dachziegel auf. Im Gegensatz zu der Kathedrale von Kutaisi haben die Restauratoren hier tolle Arbeit geleistet und wir bewundern das dargebotene Kunsthandwerk.

Deutlich später auf der Strecke, 10 km östlich von Stalins Geburtsstadt Gori erreichen wir die archäologische Ausgrabungsstätte und Höhlenstadt von Uplistsikhe.

Uplistsikhe war im 8. Jahrhundert vor Christus ein religiöses und politisches Zentrum der damals herrschenden Kartli. Verehrt wurden Sonnengottheiten und die in den Berg gebauten Höhlen boten Schutz vor Angreifern. Auch in späteren Jahrhunderten, als arabische Truppen Tbilisi belagerten, erlangte Uplistsikhe erneut an Bedeutung, bewies sich aber als schwer einzunehmen. 1240 wurde die Stadt von mongolischen Truppen erstmalig vollkommen eingenommen und zerstört, und erst seit 1957 wird sie von Archäologen Stück für Stück wieder freigelegt.

Wir kraxeln vergnügt auf dem riesigen Areal herum, erkunden Höhlen und Ausgrabungsstätten und genießen den Blick auf Fluss und Gebirge.

Kutaisi – Tote Hose in der Vize-Hauptstadt

Von Batumi aus reisen wir nach Kutaisi, das laut Reiseführer und Internet mit Tbilisi um das Hauptstadtdasein konkurriert. Naja, also das ist in etwa so wie Berlin und Bonn. Geschichte spielt schon mal dumme Streiche – aber seien wir mal ehrlich: Bonn hat so viel Hauptstadtflair wie Katchapuri Vitamine. Und so verhält es sich auch mit Kutaisi.

Wir sind in einem kleinen Datschenhäuschen untergekommen, das von außen nicht erahnen lässt in seinem Inneren ein Hostel zu beherbergen. Wir werden von einer lieben, humpelnden, alten Dame begrüßt und treffen wenig später Kasia aus Polen, mit der wir zusammen auf Stadttour gehen.

Wir sind überrascht. Die Straßen der Altstadt sind nahezu menschenleer und man hat den Eindruck ein Winterschlaf liegt über den Dächern. Neben einigen hübschen alten Häusern ist das Stadtzentrum unaufregend. Schön zu sehen hingegen ist die Kathedrale, die auf einem Berg über der Stadt wacht. Auch wenn sie aufgrund von unsachgemäßen Renovierungsarbeiten von der UNESCO-Weltkulturerbe-Liste entfernt wurde (ja, auch das ist möglich), zieren Malereien aus dem 12. Jahrhundert das Hauptschiff und das erhabene Gemäuer bietet eine stimmungsvolle Sonnenuntergangskulisse. Abends erlegen wir noch einen kleinen Skorpion in Kasias Zimmer und genießen mit einem ukrainischen Pärchen zusammen auf der Terrasse das gute Wetter bei Bier und Melone.

 

Batumi

Kurz hinter der türkisch-georgischen Grenze erreichen wir Batumi. Unsere Unterkunft befindet sich im 6. Stock eines Sowjet-Betonpalast direkt am Rande des Stadtkerns. Die Wohnung erreicht man über einen Münzaufzug – ja, genau, einen Aufzug in den man pro Fahrt eine 10-Tetri-Münze einwerfen muss – mal wieder was neues. Unsere sehr herzlichen Gastgeber wohnen gleich nebenan und der Blick vom Balkon auf Skyline, Altstadt und Meer ist klasse. Batumi stellt sich als ein bunter Mix aus Jugendstilbauten, neumodischer, wilder Architektur, Sowjetcharme und Badeort dar. Blickt man zur rechten, so zieren Schmiedeeiserne Balkongitter die Stuckfassaden der engen Gasse, die einen Blick auf die Küste feilbietet. Ein Blick nach links lässt die Augen groß und die Stirn leicht faltig werden, beim Anblick eines Riesenrads, dass in die oberen Etagen eines Wolkenkratzers integriert wurde und einem bunten Sammelsurium an Denkmälern und Skulpturen, die jeder Expo den Rang ablaufen würden.

Eigentlich wollten wir zu Fuß die Stadt erkunden,…

Autofahren in Georgien gleicht einer anhaltenden Nahtoderfahrung.

…aber nach wenigen Minuten in den Straßen erspäht uns unser Gastgeber, lädt uns in sein Auto ein und zeigt uns die schönsten Stätten die es zu besichtigen gilt. Toll, mit so viel Gastfreundschaft empfangen zu werden. Anschließen bummeln wir noch durch die Straßen und führen uns schließlich in einem urigen Kellerrestaurant das Nationalgericht Georgiens – Khatchapuri – zu Gemüte.

Khatchapuri – das ist grob gesagt ein frisch gebackener Brotring mit Boden, in dessen Mitte eine Flut aus geschmolzenem Ziegenkäse gegeben wird, bedeckt von einem frisch auf den heißen Käse geschlagenen Ei und ca. 200g Butterflocken. Das Innere wird mit der Gabel vermengt und von außen werden Brotstücken abgerissen und in die flüssige Sündenmasse getunkt. Geschätzter Brennwert: 8000 kcal.

Videos zum Thema:

Mr. Creosote PART 1

Mr. Creosote PART 2

Maria hört rechtzeitig auf. Ich nicht. Mir ist schlecht, aber es war lecker. Wir beschließen daher auf das wohlberüchtigte Nachtleben Batumis zu verzichten. Einen schönen Eindruck hatten wir trotzdem von der Stadt.