Almaty

Wir steigen am späten Vormittag nach wieder endlosem Schienengeratter durch die Steppe aus dem Zug in eine herrliche Herbstsonne.

Man muss es wirklich am Leibe spüren, um sich das schiere Ausmaß dieses Landes irgendwie begreiflich zu machen.

Die größten Länder der Welt – nach Einwohnern und nach Fläche

Auch Almaty besticht nicht unbedingt durch seinen postsowjetischen Charme, sondern auch hier sind es wieder die unglaublich offenen, freundlichen Menschen, mit denen wir sehr einfach ins Gespräch kommen. Diese, aber auch die tolle Lage der Stadt, umkreist von hohen, schneebedeckten Gipfeln.

Naja, ein paar nette Ecken finden wir doch: Das Musikinstrumente-Museum gefällt uns, und auch die bunte orthodoxe Kirche mitten im zentralen Stadtpark. Die wahren Highlights aber lauern vor den Toren der Stadt – nd nicht einmal weit.

Einen kurzen Fußmarsch entfernt liegt der Stadtberg Kok Tobje, von dem aus uns ein wunderschöner Sonnenuntergang mit Blick auf Berggrate und die leicht versmogte Stadt geschenkt wird.

Von vielen möglichen wählen wir einen Halbtagestrip, der uns an den großen Almaty-See bringt, einen Bergsee, der in der Sonne fantastisch blau glänzt. Dieser Anblick lädt zu mehr ein, und wir nehmen uns vor, dass der nächste Kasachstan-Besuch ein längerer Hiking-Trip wird. Es gibt sehr viel in der Gegend zu sehen, Canyons, Wälder, Berge, und dazu kommt die feiste kasachische Küche und tolle Gastfreundschaft. Was will man mehr als Wanderer?

Es geht sehr gesellig und offen zu in Almaty, wir unterhalten uns viel mit den Gästen und Gastgebern im Hostel in dem typischen (Körper-)Sprachenmischmasch des Reisenden. So gebe ich die nächsten Abende Deutschunterricht und wir gehen mit zwei Kasachinnen und einem Kasachen aus, um so ziemlich jedes Tabuthema des Smalltalks systematisch durchzusprechen: Es geht um Politik, Schwule, ethnische Minderheiten und Religion. Als das Café uns spät abends hinauswirft, stellen wir fest, dass wir noch nicht über Geld gesprochen haben. Naja, hoffentlich beim nächsten Mal, wir kommen gerne wieder! Ach ja, und Borat ist schon vergessen.

Shymkent

Martin hat auf der Busfahrt nach Shymkent Bekanntschaft mit einem jungen Kasachen gemacht, der sehr herzlich ist, und uns vier rucksackbeladene Touristen in sein klappriges Auto lädt und zum Hotel unserer Wahl fährt. Es ist wirklich spannend, mit ihm zu sprechen, und besonders bleibt uns Borat in Gedächtnis.

Der junge Mann befürchtet, dass wir „Wessis“ den Film „Borat“ für voll nehmen und betont mehrmals sehr ernst, dass die Kasachen ganz anders sind, als in diesem Film dargestellt.

IMDB: Borat

Damit wir ein anderes – das wahre – Bild von Kasachstan mit nach Hause nehmen, bemüht er sich auf entzückende Weise auch sehr um uns. Zum Abschied schenkt er uns die lokale Köstlichkeit – trockene Lutschbällchen aus vergorener Milch (Geschmacksrichtungen Schaf, Kuh und Kamel gibt es hier). Zum Glück erspart er uns den peinlichen Moment, vor seinen Augen kosten zu müssen, denn diese Süßigkeiten sind, ähm, nicht ganz nach unserem Geschmack.

Die Stadt selbst ist sicher interessant, hat man noch nie eine Stadt gesehen, die mal unter Sowjet-Einfluss stand. Besonders erwähnenswert fanden wir nur die Broschüre des Museums der Opfer der sowjetischen Repression – die sicher interessante Ausstellung ist leider nur auf Kasachisch ausgeschildert. Allerding verfehlt eine massive, bedrückende Statue inmitten des Ausstellungssaals nicht die Botschaft.

Turkestan

Die Sonne scheint und es sind gnädige 22 Grad auf dem sympathisch belebten Bahnsteig, auf dem alte, liebenswürdig runde Mamuschkas Melonen, Schaschlik vom Grill und frische Samsas (gefüllte, frittierte Teigtaschen) zu Spottpreisen verkaufen. Wir treffen drei weitere Reisende im Hostel, den Kanadier Ron und ein niederländisches Pärchen, Barbara und Martin, mit denen wir zwei schöne Tage in Turkestan verbringen. Es gibt tatsächlich ein einziges Restaurant, das wir mehrfach an diesem Tag aufsuchen werden, um Reisegeschichten auszutauschen und das WiFi zu nutzen.

Abends verwandelt sich „das“ Restaurant unversehens in eine Dorfdisco mit sehr lauter Musik und kasachischen Jugendlichen, die schüchtern umeinander herumschwänzeln: einfach herrlich!

Turkestan selbst ist eine kasachische Kleinstadt mit einen wichtigen Mausoleum für einen bekannten kasachischen Schriftsteller. E steht der Bedeutung nach dem Registan in Samarqand in nichts nachsteht, wurde aber noch nicht so schön restauriert. Wirklich atemberaubend ist die enorme Größe des Bauwerks und spannend anzusehen sind die Pilger, die betend vor dem Grabstein niederknien. Außerdem sind wir auch die einzigen Touristen in diesem verlassenen Flecken Erde – eine angenehme Abwechslung zu den von Tourbussen umringten usbekischen Sehenswürdigkeiten.

Am nächsten Tag machen wir einen Ausflug in die kasachische Steppe, um die Ruinen der Festungsstadt Sauran zu besichtigen. Indiana-Jones-Feeling kommt auf, und während Christian die Überreste der Stadtmauer erklettert, grabe ich Knochen und zerbrochene Keramik aus dem Boden.

Erdfarben betreten wir dann den Minibus nach Shymkent.

Khiva

Ein Jahr Sommer haben sie gesagt…von wegen…es ist a…bsolut kalt, als wir nach 7 Stunden Taxifahrt durch die Steppe und später durch Mais- und Baumwollfelder endlich in Khiva ankommen. Aber trotz Wind und Regen schauen wir uns tapfer die Altstadt an: Khivas Zentrum bildet ein 200m x 500m großer (kleiner) mit vielen Runddächern, Minaretten und Medressas bestückter Stadtkern, befestigt von dicken Lehmmauern. Alles, bis auf die Mosaike, ist aus Lehm! Das Touristenprogramm ist schön, aber wir wollen mehr: Einige Jump-and-Run-Einlagen über halbzerfallene Bauwerke färben uns so sandsteinfarben wie die Umgebung. Wir klettern von Bus-Touristengruppen ungesehen um die Ramschistan-Stände herum auf die Dächer und erhüpfen uns den ein oder anderen eigenwilligen Blick auf die blaugrünen Kuppeln der Stadt und in die Innenhöfe voller Kramsläden. Dafür muss man aufpassen, dass man nicht mit einem unbedachten Schritt durch ein Lehmdach hindurch in eine Teezeremonie plumpst oder durch ein tolpatschiges Stolpern die Stromversorgung eines Stadtviertels unterbricht. Kurzum: Wir haben Spass!

Der Basar vor den Stadtmauern ist zum Mittagessen eine willkommene Abwechslung, hierher hat sich nämlich kein Tourist verirrt, und auch keine verbindliche Usbekin will mir Glasperlenarmbänder andrehen.

Vor den Toren der Altstadt ist ein kleiner Prinzenpalast gelegen: Ein überdrehter Traum, in dem sich Ost und West zu einer irren Komposition zusammenfinden: Knallbunte russische Kachelöfen stehen im Spiegelkabinett, und warum sollte man Stuck nur an Decken anbringen können? Hier sind alle Wände gut bestuckt statt tapeziert. Zusammen mit orientalischen Teppichen und schönen Ornamentschnitzereien in den Holzdecken ergibt das einen herrlichen Kitsch am Rande des Erträglichen!

Wir klettern zum Abschluss die steile, dunkle Stiege eines Minaretts hinauf: Der Blick auf die Stadt ist prächtig, und die „Treppe“ ein kleiner Adrenalinkick. Hinab blicken wir auf ein großes 3D-Level von Prince of Persia.

Bukhara

Spätnachmittags erreichen wir Bukhara nach einer verregneten Zugfahrt durch eine ewige Ödnis. Hier ist es sehr frisch, aber immerhin hat es aufgehört, zu regnen.

In unserem Hostel serviert man uns einen halbwegs anständigen Espresso, und nach unserem kaffeelosen Alltag laufen wir völlig berauscht in die Altstadt los.

Ja, schon wieder: Es ist wie im Märchen hier!

Bukhara gibt dort Zusammenhang, wo er in Samarkand gefehlt hat: Es gibt hier nicht nur einzeln isolierte Sehenswürdigkeiten, sondern eine komplett restaurierte Altstadt. Das Areal ist voll von Sandsteinkuppeln, Basaren, Medressas (Koranschulen und wissenschaftliche Akademien), Moscheen und kleinen Gassen. Durch die Stadt ziehen sich einige Wasserkanäle und Teiche, die früher von der Bevölkerung zum entspannten Baden genutzt wurden – aufgrund der damaligen hygienischen Bedingungen war Bukhara deswegen eine Zeitlang als Pestloch verschrien. Heute ist das meiste Wasser aus den Teichen abgelassen, und baden darf auch keiner mehr hier drin.

Es geht hier sehr touristisch zu, und zwischen Teppich- und Schmuckhändlern gibt es Tücher und Kühlschrankmagnete zuhauf. Christian kommentiert das so: „Willkommen in Ramschistan.“

Die blau bekachelten Medressas, in deren Innenhöfen sich Souvenirshops tummeln, die Moscheen voller Mosaike insbesondere das Po-i-Kalyan-Esemble mit einem großen Sandsteinturm (so erhaben, dass selbst der grausame Dschingis Khan bei der Eroberung und damit zwangsweise einhergehenden Zerstörung der Stadt sagte: „Dieser Turm bleibt stehen!“) wirken auf uns wie aus einer anderen Welt, und wir können uns gar nicht an den vielen verwinkelten Gassen, Höfen, Holztürchen und Mosaiken satt schauen. Die gesamte Altstadt fasziniert durch ihren bloßen Anblick und die Ramschläden nehmen wir mit Humor.

Vor der Altstadt auf einem Hügel liegt „Der Bogen“, eine alte Festung, die in sich selbst wieder eine kleine Stadt ist. Leider ist nur noch wenig von der gesamte Festung erhalten, der Rest liegt in Schutt und Asche (aber dem Touristenblick durch eine Mauer enthoben) aufgrund von Plünderung, Witterung und Erdbeben. Die x Museen, die sie hier untergebracht haben sind langweilig, aber das Schreiten durch die verwinkelten Innenhöfe macht Freude!

Überall laufen einem diese schönen Samt-Glitzer-gewandeten, sonnengegerbt faltigen usbekischen Frauen vor die Kamera, die einen durch Goldzahnreihen anlächeln.

Wir laufen zwei Tage lang durch diese Stadt und knipsen mal wieder bis die Finger wund und die Augen eckig sind.

Samarkand

Es ist wie im Märchen hier! Ein wenig steril wirkt die Touristenflaniermeile schon, weil nix los ist. Aber die vier „großen“ Sehenswürdigkeiten, Registan vornan, haben es in sich und wir knipsen bis zur Abenddämmerung hemmungslos.

Entgegen des islamischen Gebots, sich kein Bildnis von Lebewesen machen zu dürfen, haben die usbekischen Herrscher es damit nicht ganz so genau genommen, und am Eingang zur Registan-Moschee sieht man das bekannte Motiv der zwei Tiger im Mosaik, die Ziegen gefangen haben.

Besonders freuen wir uns, einen kleinen Abstecher über den Friedhof zu machen und uns durch den Hintereingang das Eintrittsgeld zu den Mausoleen zu erschleichen.

Lassen wir die Bilder für sich sprechen…

Taschkent

Es ist Mistwetter in Baku, Wind und Regen, 16 Grad, also genau der richtige Zeitpunkt weiter zu ziehen. Im Flieger nach Taschkent gibt es eine gehörige Portion Fleisch zu Essen: Putenkeule im Eigenfettmantel – als Beilage dazu: 2 Würstchen. Einmal gelandet, verbringen wir zwei Stunden Zeit im vollkommen chaotischen Einreiseprozedere. Drängeln ist hier ein Volkssport, das sollen wir uns auch besser merken, denn an jeglicher Art Schalter oder enger Tür wird „gesportelt“. Es ist übrigens anscheinend die einzige Sportart, die von einer breiten Volksmasse ausgeübt wird. Denn Usbeke und Usbekin sind eher beleibt und wohlgerundet als drahtig und dürr. Ich finde, das passt auch viel besser zu den wunderschönen Kleidungsstücken, die die Frauen auftragen: Samt steht hoch im Kurs, und die traditionelle Kleidung aus Hose und knielangem Überkleid ist blumig bunt, wenn nicht noch mit viel glitzerndem Strass versehen, mindestens aber eines von beidem.

Unser Taschkenter Gasthaus liegt in einer Gegend, die uns zunächst seltsam vorkommt: Außer Mauern und eisernen Toren gibt es hier nichts zu sehen! Es sieht aus als sehe man alle Häuser nur von ihrer fensterlosen Rückseite. Später sollen wir lernen, dass dies ganz typisch für Usbekistan ist, und gar nicht so schlimm, wie es von außen aussieht: Hinter jeder Mauer verbirgt sich ein kleiner Innenhof, der zum Wohnhaus führt, und hier spielt sich das Leben ab! Auch unser Gasthaus ist da keine Ausnahme, und im Hof finden wir Sitzgelegenheiten, ein paar Bäumchen und eine nette Wirtsfamilie, die uns gleich mit Tee versorgt.

Wir haben Glück und treffen einen Belgier, der am nächsten Tag abreist. Er klärt uns auf, wie der Geldwechsel in Usbekistan funktioniert, denn das ist für einen Europäer erst einmal sehr seltsam: Es gibt zwei Wechselkurse, den offiziellen (1 US-Dollar = 2600 usbekische Som) und den inoffiziellen (1 US-Dollar = 5000 usbekische Som). Das bedeutet, wer auf dem Schwarzmarkt seine Devisen tauscht, lebt halb so teuer.

Übrigens ist der größte Schein in diesem Land ein 5000-Som-Schein. Außerdem ist die 5000-Som-Note erst kürzlich eingeführt worden und längst nicht so verbreitet wie die übliche 1000-Som-Note. Das bedeutet also eine ganz schöne Zettelwirtschaft und prall gefüllte Hosentaschen.

Taschkent selbst präsentiert sich am nächsten Tag bei bestem Wetter, wir haben einen strahlend blauen Himmel und 35 Grad im Schatten. Jawohl!

Die Stadt hat nicht viele alte Sehenswürdigkeiten. Wir starten mit dem beindruckend weitläufigen Juma-Moscheekomplex – unsere erste Begegnung mit tausendundeiner Nacht, auf die noch viele weitere folgen sollen. Danach lassen wir uns auf dem großen Basar treiben. Die riesige, ein wenig nach Zirkuszelt aussehende Kuppelkonstruktion birgt Theken voll Fleisch, Salat, und Milchprodukten. Aus der ersten Etage betrachtet erinnert der Basar ein wenig an eine Finanzbörse nach einem Bauernaufstand.

Die Altstadtgassen sind wie gesagt, nett, aber man sieht nicht viel außer Mauer und Tor, und gelegentlich einen kleinen Bäckersstand. Auch der moderne Teil der Stadt ist so ein bisschen Disneyland und erinnert an die blutleeren Bauten von Skopje. Trotzdem erfreuen wir uns an der realsozialistischen Prachtarchitektur des „Hotel Usbekistan“ und an der stolzen Statue des verehrten, blutrünstigen Landesvaters Amir Timur, die Pose natürlich, ähnlich wie in Skopje schon Alexander der Große, stolz erhoben auf einem mächtigen Hengst reitend. Im Gegensatz zu Skopje hat die Neustadt Taschkents jedoch auch ihren Reiz und die zahlreichen wohlgepflegten Grünflächen lockern das Gesamtbild angenehm auf.

Insgesamt sind die Bauwerke nicht so interessant zu sehen, und bei diesem tollen Wetter treibt uns auch nichts in ein Museum: Wir verbringen den Tag über den Basar schlemmend und beobachten das geschäftige Treiben um uns herum. Das ist sehenswert genug:

Eine dicke Frau im Blumengewand greift beherzt in ihren BH, um ein Bündel Som-Scheine zu verstauen. Die Zitronenverkäuferin bietet ihre Waren auf einem umgebauten Babywagen an. Frische Fladenbrotkränzel werden von Fahrradkurieren durch Gassen geschlenkert – auf jeden Kranz ist übrigens ein anderes Muster eingestempelt. Der Schwarzmarktwechsler singt „Change Dollar Euro“ in unendlicher Wiederholung…

Am Ende bleiben einige tolle Köstlichkeiten in Erinnerung (usbekisches Baklava und geröstete Aprikosenkerne, kleine Sharonäpfelchen und der ewige Kebab – hier schon durch einen ordentlichen Klecks Mayo russifiziert) und ein bunter Flickenteppich an lebhaften Szenen.