Ohrid – Widerstehen ist zwecklos!

Aber dann kommen wir nach Ohrid. Schon die schöne Strecke durch den Mavrovo-Nationalpark lässt uns nach dem Hauptstadtdesaster aufatmen, und die strahlende Sommersonne macht das gestern Erlebte wieder wett. Der Nationalpark wartet mit einem schönen umwaldeten See auf. In einer verlassenen Kirche, die sie mitten im See geparkt haben, finden wir eine süße Hündin, die sich gleich in Christian verliebt und uns nicht mehr verlässt.

Ohrid erreichen wir spätnachmittags und sind schon bei der Anfahrt fasziniert. Begeistert dann erst, als wir zu Fuß unterwegs sind, denn die steilen, engen Gassen verlangen dem Auto und dem Fahrer volle Kraft ab. Die Stadt ist auf Hügeln gebaut, die direkt in den Ohrid-See enden: Es gibt eine alte Burgruine und schöne kleine Gassen voller alter Autos zu besichtigen, die Stadthäuser weiter unten haben eine spezielle Architektur und überall schallt mazedonische Live-Musik aus den vielen Bars und Restaurants.

Es geht sehr touristisch zu, aber die Stadt bleibt übersichtlich und klein, so dass es nicht nervt. Wunderschönes Wahrzeichen Ohrids ist die auf einen Felsen gebaute orthodoxe Kirche Sv. Jovan Kaneo aus dem 15. Jahrhundert, die über den See wacht. Bei diesem Anblick kann keiner widerstehen und wir geben ein wohliges „Hach, wie schön!“ von uns.

Am nächsten, warm sonnigen Tag gehen wir die Burgruine hinauf und werden mit einem 360-Grad-Blick auf Stadt, See und bewaldete Berge belohnt. Wo man hinschaut, ist es schön, und unten auf kleinen Betonstreifen zwischen den Gassen sieht man Leute sich sonnen und in den – übrigens sehr klaren – See hüpfen.

am Seeufer

am Seeufer

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Skopje – Besuch ist zwecklos!

Nach einer weiteren Frühstücksorgie bei der Mama von Alex und abgesichert durch viele frische Gebäckstücke, sowie einem nicht komplizierten, aber langwierigen Registrierungsprozess bei der örtlichen Polizei ist es so weit: Wir dürfen alleine nach Skopje fahren!

Das Netzwerk von Alex reicht natürlich auch bis dorthin, und sein Cousin besorgt uns einen gratis Parkplatz. Für den Rest des Tages sind wir frei und erkunden die Stadt auf eigene Faust.

Es herrscht Schietwetter und der Dauerregen bekommt dem – ich mutmaße hier – wahrscheinlich schon im Sonnenschein unansehnlichen Stadtbild nicht. Nun beginnt die nasse, touristische Jagd nach Sehenswertem durch eine lieblos gestaltete Hauptstadt, die irgendwie schräg ist: Es stehen viele hässliche Realbauten herum, die mit kleinen Geschäften aller Art gefüllt sind, dadurch aber lebhaft und freundlich wirken. Den Gegensatz macht das restliche Stadtbild: Am Ufer der Vardar wurde von der Regierung viel Geld investiert, um… ja wie soll ich es ausdrücken? Um europäisch aussehende Hauptstadtbauten aus dem Boden zu stampfen. Museum, Oper und Brücken voller Bronzestatuen reihen sich hier aneinander. Sie sollen wohl Größe und Macht demonstrieren, wirken jedoch inszeniert und erinnern eher an Disneyland als an Paris. Auf jedem freien Platz wurden aus teuren Materialien wie etwa Marmor Brunnen errichtet. Die darin verarbeiteten Figuren machen große Gesten und sehen dennoch aus wie aus Spritzguss.

Teure Statuen im Regen vor Prachtbau - auch im Regen.

Teure Statuen im Regen vor Prachtbau – auch im Regen.

Ein Beispiel: Besonders hoch und protzig ragt ein Brunnen in den Himmel, an dessen Rand brüllende Löwenfiguren stehen, die einen Ring von Speerwerfen, die einen Marmorsockel mit 5m Durchmesser bewachen, in der Mitte bedrohen. Auf dem Sockel lenkt ein Reiter in männlicher Siegerpose ein sich aufbäumendes Pferd. Alexandars Kommentar zu ebendiesem: „Die Eier des Pferdes alleine haben 600.000 Euro gekostet.“ Zu dem künstlerischen Wert schweige ich.

Reiter mit Pferd auf Marmorburnnen

Reiter mit Pferd auf Marmorburnnen

Zwischen den Marmorbrücken hat sich im Fluss eine Sandbank gebildet, auf der ein Mann auf einer Bierkiste sitzt und angelt. Ihn scheinen die Bronzestatuen wenig zu beeindrucken.

Einen verregneten Kaffee später schauen wir uns noch das Mutter-Theresa-Haus an, das einige interessante Handschriften von ihr ausgestellt hat. Anschließend wagen wir uns auf die andere Seite des Flusses, wo überraschender Weise eine richtig nette Altstadt anfängt, die mit einer kleinen Moschee und Teehäusern orientalisch anmutet. Gäbe es diesen strömenden Regen nicht, würden wir hier nicht mehr so leiden. Wir entscheiden uns, wieder zu Alex zu fahren und verbringen den Rest des Abends lieber auf seinem heimeligen Sofa.

Kumanovo – Widerstand ist zwecklos!

Nach einigem Deplatzieren, Diskutieren und Telefonieren (die deutsche Ungeduld ist eine Sache, die wir uns eindeutig noch abgewöhnen müssen) treffen wir meinen Freund Alex in Kumanovo und fahren zu ihm nach Hause. Wenn er nicht gerade in Slowenien bei Frau Verica und Tochter Andrea ist, lebt er hier in Mazedonien in seinem Elternhaus. Das ist auch in unserem Alter noch üblich. Seine Mutter und seine Tante empfangen uns unglaublich herzlich und sie beide werden in den nächsten Tagen darauf achten, dass wir nicht vom Fleisch fallen. Bei jeder Gelegenheit. Unter Zuhilfenahme von ziemlich linken Tricks werden sie uns mästen – unser Schicksal ist unausweichlich: Wir sind Gäste. Das bedeutet, wir dürfen uns nicht bewegen und nur essen. Trinken ist auch erlaubt, am besten möglichst Kalorienreiches, wie der selbstgebrannten Fruchtschnaps aus dem hintersten Regal der hintersten Schrankwand oder den direkt am Tisch zubereiteten Mokka, immer begleitet von fünf bis sieben Schalen Knabbereien, Gebäck und Süßigkeiten.

Bis spät sitzen wir im Wohnzimmer auf den mit Häkeleien und Blumendecken beschmückten Sofas vor der dunklen Holzschrankwand, amüsieren uns prächtig, lassen alte Geschichten wieder aufleben und schlabbern Melonen aus dem eigenen Garten.

Gabi, Christian und Alex

Gabi, Christian und Alex

Am nächsten Morgen wartet schon Gabriella, Alex´ kleine Cousine, auf uns. Zusammen mit ihrer Freundin Maria verbringen wir den ganzen Tag in der Umgebung von Kumanovo und steuern verschiedene Sehenswürdigkeiten an. Natürlich verlassen wir das Haus nicht, ohne vorher ein anständiges Stück Fleischburek verdrückt zu haben – lecker und schwer. Wir denken einfach nicht weiter darüber nach, dass unser Frühstück normalerweise aus einem Espresso und maximal einer schnell heruntergeschlungenen Ministulle besteht. Nach diesen morgendlichen Eskapaden fahren wir endlich los. Unsere erste Station ist die Tante, sie hat einen kleinen Bäckerladen in der Stadt, und wir werden mit Leckereien für den Tag versehen, die wir nicht verweigern dürfen. Danach geht es noch zu Alex‘ Onkel, der den Burek gebacken hatte, den wir am Morgen verzehrten, und Maria (Gabrielas Freundin wird statt der Kiste voll Club Mate auf den zweiten Rücksitz geschnallt). Auch die Großeltern Gabis werden wir später noch kennenlernen. Sie besitzen eine Mühle ganz in der Nähe, so dass die gesamte Produktionskette von Mehl, über die Backstube bis zum Verkauf in den Händen der Familie bleibt.

Beim Bäcker

Beim Bäcker

Das erste Ausflugsziel ist ein Hügel mit Aussicht, auf dem ein Steinwachposten stand. In einer Betonschachtel vor dem Wachtposten lebt der sehr freundliche Guide mit seinen Hunden und erklärt uns in fließendem Mazedonisch, welch bewegte Geschichte von diesem Platz aus beobachtet werden konnte: Hier haben sich Osmanen, Serben und Bulgaren epische Schlachten geliefert. Er führt uns an jeden Punkt der Sehenswürdigkeit, es gibt für uns keine Möglichkeit, das Monument selbst zu erforschen und entdecken, denn wer braucht diese Freiheiten schon? Er erklärt weiterhin mit sehr viel Freude, und das lässt und die so fremde Sprache fast verstehen. An einem kleinen Altar müssen wir orthodoxe Kerzen anzünden, und auch Fotomotive werden fürsorglich für uns gewählt. Wir haben da nur wenig Mitspracherecht – wir sind ja die Gäste. Diese vollkommene Entmündigung ist zwar ein Kulturschock, wird jedoch mit so viel Herz durchgeführt, dass wir uns einfach hineinfallen lassen.

Obwohl der Guide mal kein Verwandter unseres Freundes ist, erzählt er offenherzig seine ganze Lebensgeschichte und schenkt uns noch zwei Gurken aus seinem Garten. Zum Abschluss entdecken wir die Welpen, die seine Hündin gerade geworfen hat. Süüüüß!

Wir besichtigen noch eine schöne, sehr alte orthodoxe Kirche, die trotz ihres unrestaurierten Zustandes wunderschöne Fresken aus dem 12. Und 14. Jahrhundert birgt. Um hineinzukommen, müssen wir kurz warten, da der Pastor unterwegs ist. Wir nutzen die ungeplante Zeitlücke Sonnenblumenkerne knabbernd und fotografieren – frei. Schon schließt der Pastor, in seinem blauen Jogginganzug übrigens, die Kirche auf und erzählt uns einiges über ihre Geschichte und Restaurierung.

Leider sind wir aufgrund des ausgiebigen Frühstücks zu spät für weitere Sehenswürdigkeiten, und trinken stattdessen mit den Mädels noch einen Kaffee. Wir haben uns fest vorgenommen, sie noch einzuladen als Dankeschön für die viele Übersetzungsmüh und die tolle Gesellschaft am heutigen Tag, aber trotz heftigen Diskutierens gibt es kein Entkommen für unser Geld: Wir sind immer noch die Gäste.

"Mal sind sie scharf, mal nicht. Das kommt auf dein Glück an", pflegt der Mazedonier zu sagen. Hier hat jeder welche im Garten.

„Mal sind sie scharf, mal nicht. Das kommt auf dein Glück an“, pflegt der Mazedonier zu sagen. Hier hat jeder welche im Garten.