Kumanovo – Widerstand ist zwecklos!

Nach einigem Deplatzieren, Diskutieren und Telefonieren (die deutsche Ungeduld ist eine Sache, die wir uns eindeutig noch abgewöhnen müssen) treffen wir meinen Freund Alex in Kumanovo und fahren zu ihm nach Hause. Wenn er nicht gerade in Slowenien bei Frau Verica und Tochter Andrea ist, lebt er hier in Mazedonien in seinem Elternhaus. Das ist auch in unserem Alter noch üblich. Seine Mutter und seine Tante empfangen uns unglaublich herzlich und sie beide werden in den nächsten Tagen darauf achten, dass wir nicht vom Fleisch fallen. Bei jeder Gelegenheit. Unter Zuhilfenahme von ziemlich linken Tricks werden sie uns mästen – unser Schicksal ist unausweichlich: Wir sind Gäste. Das bedeutet, wir dürfen uns nicht bewegen und nur essen. Trinken ist auch erlaubt, am besten möglichst Kalorienreiches, wie der selbstgebrannten Fruchtschnaps aus dem hintersten Regal der hintersten Schrankwand oder den direkt am Tisch zubereiteten Mokka, immer begleitet von fünf bis sieben Schalen Knabbereien, Gebäck und Süßigkeiten.

Bis spät sitzen wir im Wohnzimmer auf den mit Häkeleien und Blumendecken beschmückten Sofas vor der dunklen Holzschrankwand, amüsieren uns prächtig, lassen alte Geschichten wieder aufleben und schlabbern Melonen aus dem eigenen Garten.

Gabi, Christian und Alex

Gabi, Christian und Alex

Am nächsten Morgen wartet schon Gabriella, Alex´ kleine Cousine, auf uns. Zusammen mit ihrer Freundin Maria verbringen wir den ganzen Tag in der Umgebung von Kumanovo und steuern verschiedene Sehenswürdigkeiten an. Natürlich verlassen wir das Haus nicht, ohne vorher ein anständiges Stück Fleischburek verdrückt zu haben – lecker und schwer. Wir denken einfach nicht weiter darüber nach, dass unser Frühstück normalerweise aus einem Espresso und maximal einer schnell heruntergeschlungenen Ministulle besteht. Nach diesen morgendlichen Eskapaden fahren wir endlich los. Unsere erste Station ist die Tante, sie hat einen kleinen Bäckerladen in der Stadt, und wir werden mit Leckereien für den Tag versehen, die wir nicht verweigern dürfen. Danach geht es noch zu Alex‘ Onkel, der den Burek gebacken hatte, den wir am Morgen verzehrten, und Maria (Gabrielas Freundin wird statt der Kiste voll Club Mate auf den zweiten Rücksitz geschnallt). Auch die Großeltern Gabis werden wir später noch kennenlernen. Sie besitzen eine Mühle ganz in der Nähe, so dass die gesamte Produktionskette von Mehl, über die Backstube bis zum Verkauf in den Händen der Familie bleibt.

Beim Bäcker

Beim Bäcker

Das erste Ausflugsziel ist ein Hügel mit Aussicht, auf dem ein Steinwachposten stand. In einer Betonschachtel vor dem Wachtposten lebt der sehr freundliche Guide mit seinen Hunden und erklärt uns in fließendem Mazedonisch, welch bewegte Geschichte von diesem Platz aus beobachtet werden konnte: Hier haben sich Osmanen, Serben und Bulgaren epische Schlachten geliefert. Er führt uns an jeden Punkt der Sehenswürdigkeit, es gibt für uns keine Möglichkeit, das Monument selbst zu erforschen und entdecken, denn wer braucht diese Freiheiten schon? Er erklärt weiterhin mit sehr viel Freude, und das lässt und die so fremde Sprache fast verstehen. An einem kleinen Altar müssen wir orthodoxe Kerzen anzünden, und auch Fotomotive werden fürsorglich für uns gewählt. Wir haben da nur wenig Mitspracherecht – wir sind ja die Gäste. Diese vollkommene Entmündigung ist zwar ein Kulturschock, wird jedoch mit so viel Herz durchgeführt, dass wir uns einfach hineinfallen lassen.

Obwohl der Guide mal kein Verwandter unseres Freundes ist, erzählt er offenherzig seine ganze Lebensgeschichte und schenkt uns noch zwei Gurken aus seinem Garten. Zum Abschluss entdecken wir die Welpen, die seine Hündin gerade geworfen hat. Süüüüß!

Wir besichtigen noch eine schöne, sehr alte orthodoxe Kirche, die trotz ihres unrestaurierten Zustandes wunderschöne Fresken aus dem 12. Und 14. Jahrhundert birgt. Um hineinzukommen, müssen wir kurz warten, da der Pastor unterwegs ist. Wir nutzen die ungeplante Zeitlücke Sonnenblumenkerne knabbernd und fotografieren – frei. Schon schließt der Pastor, in seinem blauen Jogginganzug übrigens, die Kirche auf und erzählt uns einiges über ihre Geschichte und Restaurierung.

Leider sind wir aufgrund des ausgiebigen Frühstücks zu spät für weitere Sehenswürdigkeiten, und trinken stattdessen mit den Mädels noch einen Kaffee. Wir haben uns fest vorgenommen, sie noch einzuladen als Dankeschön für die viele Übersetzungsmüh und die tolle Gesellschaft am heutigen Tag, aber trotz heftigen Diskutierens gibt es kein Entkommen für unser Geld: Wir sind immer noch die Gäste.

"Mal sind sie scharf, mal nicht. Das kommt auf dein Glück an", pflegt der Mazedonier zu sagen. Hier hat jeder welche im Garten.

„Mal sind sie scharf, mal nicht. Das kommt auf dein Glück an“, pflegt der Mazedonier zu sagen. Hier hat jeder welche im Garten.